Française – Warum französische Vintage-Rennräder so besonders sind.
Française – Warum französische Vintage-Rennräder so besonders sind
Classy Cycle Club · Stand Juni 2026
Es gibt Fahrräder, die man sofort erkennt. Nicht wegen ihrer Farbe oder ihrer Größe, sondern wegen einer bestimmten Art, wie sie im Raum stehen. Französische Rennräder aus den 1960er und 1970er Jahren haben dieses Etwas. Lange Rohre, elegante Muffen, eine gewisse Leichtigkeit in der Geometrie – und gleichzeitig eine technische Eigenwilligkeit, die jeden Mechaniker auf Trab hält.

Frankreich war nach dem Zweiten Weltkrieg eine der produktivsten Fahrradnationen der Welt. Marken wie Peugeot, Gitane, Motobécane und Mercier bauten Räder für den Alltag, für den Rennsport und für alles dazwischen. Ihre besten Modelle sind heute gesuchte Klassiker. Ihre günstigsten Modelle verbergen sich in Kellern und tauchen auf Flohmärkten auf. Beide lohnen sich – aus unterschiedlichen Gründen.
Die großen Vier: Peugeot, Gitane, Motobécane, Mercier
Das Herz der französischen Fahrradindustrie schlug in Saint-Étienne, einer Industriestadt südwestlich von Lyon. Peugeot, Gitane und Mercier hatten dort ihre Produktionsstätten, ergänzt durch Komponentenhersteller wie Simplex, Huret und Stronglight. Diese geografische Nähe führte zu einer dichten Vernetzung – und zu einem unverwechselbaren gemeinsamen Stil.
Peugeot
Die bekannteste französische Fahrradmarke. Peugeot gewann die Tour de France zehnmal zwischen 1903 und 1983. Das Flaggschiff PX-10 mit Reynolds-531-Rahmen und Nervex-Muffen ist heute eines der meistgesuchten Vintage-Rennräder weltweit – auf ihm begannen Eddy Merckx und Bernard Thévenet ihre Karrieren.
Gitane
Gitane – französisch für „Zigeunerin" – ist untrennbar mit Bernard Hinault verbunden, der ab 1975 für das Gitane-Campagnolo-Team fuhr. Die Tour-de-France-Modelle der frühen 1970er sind am häufigsten zu finden; die besseren Exemplare mit Reynolds-531-Rahmen erzielen heute Preise von 400–1.500 Euro.
Motobécane
Motobécane – ein Kofferwort aus „moto" (Motorrad) und „bécane" (Fahrrad, umgangssprachlich) – war ein außergewöhnlicher Hersteller: als erste europäische Marke setzte er gezielt japanische Komponenten ein und erzielte damit eine überragende Qualität zu erschwinglichen Preisen. Die Rahmenlackierungen gehören zu den schönsten der Epoche.
Mercier
Mercier ist die Marke von Raymond Poulidor – dem ewigen Zweiten der Tour de France, aber einem der beliebtesten Radprofis Frankreichs. Die „Service des Courses"-Rahmen mit ihren langen, spitzen Muffen und Reynolds- oder Columbus-Rohren gehören zur absoluten Spitzenklasse der Epoche. Charakteristisch: die rosa Lackierung.
Der Peugeot PX-10: ein Klassiker mit Geschichte
Kein französisches Fahrrad ist so ikonisch wie der Peugeot PX-10. Gebaut aus hochwertigen Reynolds-531-Stahlrohren, war er das klassische Rennrad der 1960er und 1970er Jahre. Eddy Merckx begann seine Profikarriere auf einem PX-10 für das BP-Peugeot-Team Mitte der 1960er. Tommy Simpson verunglückte 1967 am Mont Ventoux auf einem PX-10 – eine Tragödie, die den ersten großen Dopingskandal des Radsports auslöste.
Die Originalausstattung des PX-10 umfasste Nervex-Muffen, einen Simplex-Schaltwerk, Stronglight-93-Kurbeln, Normandy-Naben, Mavic-Felgen mit Hutchinson-Schlauchreifen, MAFAC-Racer-Bremsen sowie AVA-Lenker und -Vorbau. Alles franzosisch, alles aufeinander abgestimmt – und alles mit den spezifischen Maßen, die jeden Umbau zur kleinen Wissensaufgabe machen.
Technische Besonderheiten: Was französische Räder von anderen unterscheidet
Wer ein französisches Vintage-Rad kauft oder restauriert, stößt schnell auf eine Welt eigener Standards. Die Unterschiede zu britischen, italienischen und japanischen Maßen sind oft gering – aber entscheidend. Hier die wichtigsten Punkte im Überblick.

Tretlager: Rechts- statt Linksgewinde
Das auffälligste Merkmal: Beim französischen Tretlagerstandard haben beide Seiten Rechtsgewinde – anders als beim BSA/Englisch-Standard, bei dem die antriebsseitige Schale ein Linksgewinde hat. Das bedeutet: wer ohne Kenntnis der Gewindeart dreht, riskiert ein festgezogenes statt gelockertes Tretlager.
Maßtabelle: Französisch vs. BSA/Englisch
| Bauteil | BSA / Englisch | Französisch |
|---|---|---|
| Tretlagergewinde | 1,375 × 24 TPI | 35 mm × 1 mm |
| Tretlager – rechte Schale | Linksgewinde | Rechtsgewinde |
| Vorbauschaft | 22,2 mm (7/8") | 22,0 mm |
| Lenkerklemmung | 25,4 mm / 26,0 mm | 23,5 mm / 25,0 mm |
| Steuerrohrgewinde | 25,4 × 24 TPI | 25,0 mm × 1,0 mm |
| Pedale (ältere Modelle) | 9/16 Zoll × 20 TPI | 14 mm × 1,25 mm |
| Freilaufgewinde | 1,375 × 24 TPI | 34,7 mm × 1 mm |
| Kottermaß (Cottered) | 9,5 mm (3/8") | 9,0 mm |
Vorbau und Lenker: AVA und das Klemmmaß-Problem
Viele hochwertige französische Räder der 1970er waren mit AVA-Lenkern und -Vorbauten ausgestattet. AVA-Vorbauten haben einen Schaftdurchmesser von 22,0 mm statt der üblichen 22,2 mm – eine Differenz von 0,2 mm, die einen Standardvorbau blockiert. Dazu kommt ein kleineres Lenkerklemmmaß (23,5 mm oder 25,0 mm statt 25,4 mm), was bedeutet: wer Lenker tauscht, muss fast immer auch den Vorbau tauschen.
Pedale: Meist Standard, manchmal nicht
Die meisten für den Export (USA, Deutschland) produzierten französischen Räder haben das Standardgewinde 9/16 Zoll. Räder, die ursprünglich für den französischen Markt gebaut wurden, können ältere Kurbeln mit 14-mm-Pedalgewinde haben. Erkennbar an der Markierung „G" (Gauche = links) und „D" (Droite = rechts) auf den Pedalen.
Motobécane: Schweizer Tretlager statt französischem
Viele Motobécane-Modelle verwendeten Schweizer Tretlager – gleicher Durchmesser und gleiche Gewindesteigung wie der französische Standard, aber die rechte Schale hat wieder ein Linksgewinde (wie BSA). Wer ein Motobécane-Tretlager wechseln möchte, muss also zunächst klären, welchen Standard das konkrete Rad hat.
Klassische französische Komponenten: Simplex, Stronglight, MAFAC
Französische Räder kamen mit einem eigenen Ökosystem an Anbauteilen. Diese Komponenten haben einen eigenen Stil – und eigene Tücken beim Ersatzteilkauf.
Simplex
Der wichtigste französische Schaltungshersteller. Simplex-Schaltwerke sind an schönen Kunststoffkäfigen erkennbar und liefen auf hohem Niveau – wenn auch etwas weniger präzise als zeitgenössische Campagnolo-Systeme. Ersatzteile sind noch verfügbar, aber werden rarer.
Stronglight
Hersteller von Kurbeln, Tretlagern und Steuersätzen. Stronglight-Kurbeln haben einen eigenen Abzieher-Standard (23,35 mm bis 1982, danach 22 mm). Wichtig: Niemals einen TA-Abzieher an einer Stronglight-Kurbel verwenden – die Gewinde sind fast gleich, aber nicht kompatibel.
MAFAC
MAFAC (Manufacture d'Articles de Frein et Accessoires pour Cycles) baute die charakteristischen Cantilever- und Seitenzugbremsen vieler französischer Räder. Die „Racer"- und „Competition"-Modelle sind unter Kennern hochgeschätzt. Bremsbeläge sind heute noch erhältlich.
Huret
Huret baute Schaltwerke und Umwerfer, die auf vielen mittelklassigen französischen Rädern zu finden sind. Erkennbar an den charakteristischen Wabenstruktur-Ausfallenden (Honeycomb-Dropouts), die zwischen 1974 und 1976 eingebaut wurden – ein nützlicher Datierungshinweis.
Reifengrößen: 700C, 650B und die Exportfrage
Wer ein französisches Rad kauft und Reifen sucht, stößt auf eine weitere Besonderheit: Räder, die für den Export (etwa in die USA oder nach Deutschland) gebaut wurden, haben oft 27 Zoll / 630 mm Räder – ein Maß, das in Frankreich selbst nie gebräuchlich war, aber den damaligen Exportmärkten entsprach.
Räder für den französischen Heimatmarkt hingegen hatten je nach Typ:
- 700C / 622 mm (ETRTO) – Rennräder und sportliche Modelle
- 650B / 584 mm (ETRTO) – Tourenräder, Lastenräder, Tandems; dieses Maß erlebt gerade eine kleine Renaissance
- 490 mm – einige französische Falträder
Worauf beim Kauf achten
Französische Vintage-Räder sind heute in unterschiedlichem Zustand zu finden. Viele haben Jahrzehnte in Kellern verbracht, einige wurden liebevoll gepflegt oder restauriert, andere mit falschen Teilen bestückt. Ein paar Checkpunkte helfen bei der Einschätzung:
- Rahmen: Auf Risse an den Muffen achten, besonders am Tretlager und am Steuerrohr. Rostblasen unter der Farbe deuten auf strukturellen Rost hin.
- Tretlager: Setzt kurz drehen und auf Rauigkeit oder Spiel prüfen. Franzosische Ersatz-Tretlager sind nicht immer leicht zu beschaffen.
- Vorbau: AVA-Vorbauten identifizieren und bei regelmäßiger Nutzung ersetzen.
- Pedalgewinde: Bei älteren Kurbeln prüfen, ob Standard-9/16"-Pedale passen oder ob das seltenere 14-mm-Gewinde vorliegt.
- Laufradgröße: 27 Zoll oder 700C? Reifen für 27 Zoll werden seltener – relevant für die laufende Nutzung.
- Schaltwerk: Simplex-Schaltwerke funktionieren gut, sind aber empfindlicher als moderne Systeme. Auf Risse am Kunststoffkäfig achten.
Was bleibt
Französische Vintage-Klassiker sind keine einfachen Räder. Sie haben ihre eigenen Maße, ihre eigene Logik, ihren eigenen Charakter. Wer sich damit beschäftigt, versteht sehr schnell, warum sie so viele treue Anhänger haben: Sie fahren außerordentlich gut, sie sehen außerordentlich aus – und sie erzählen Geschichten, die mit dem Radsport der Nachkriegszeit verbunden sind.
Bei Classy Cycle Club führen wir regelmäßig französische Klassiker: Peugeot-Rennräder, Gitane-Modelle, gelegentlich auch Motobécane und Mercier. Wer gezielt sucht oder Fragen zu einem konkreten Rad hat, kann sich gerne vorab melden.